Wenn Verwaltung unter Druck gerät: Warum Führung jetzt klare Grenzen braucht
Führung in Verwaltungen wird oft erst sichtbar, wenn es schwierig wird. Wenn Sitzungen kippen, Teams erschöpft sind, Bürgerinnen und Bürger lauter werden oder Kritik persönlich wird. Dann zeigt sich, ob Menschen nur eine Funktion ausfüllen oder ob sie wirklich führen können.
In unserem Kleinstadtniveau Podcast sprechen wir mit Leila Adjemi über genau diese Momente. Über Bürgermeister:innen, die in Gemeinderatssitzungen angegriffen werden. Über Mitarbeitende in Bürgerbüros, die täglich sehr viel mehr aushalten müssen, als in irgendeiner Stellenbeschreibung steht. Über Führungskräfte, die nach außen Orientierung geben sollen, obwohl sie selbst längst merken, wie groß der Druck geworden ist.
Das Thema ist größer als einzelne schwierige Situationen. Es berührt eine der zentralen Fragen für die Zukunft der Verwaltung: Wie bleiben Menschen wirksam, wenn Erwartungen steigen, Ressourcen knapper werden und der Ton rauer wird?
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Leila Adjemi
Leila Adjemi begleitet seit fast drei Jahrzehnten Menschen in Führungsrollen. Sie arbeitet mit Bürgermeister:innen, Oberbürgermeister:innen, Führungskräften aus Verwaltung, Politik und Wirtschaft sowie mit Teams in Veränderungs- und Krisensituationen. Ihre Arbeit verbindet Kommunikation, Körpersprache, Auftrittssicherheit, Selbstführung und emotionale Intelligenz.
Ihr Zugang ist dabei ungewöhnlich konkret. Leila schaut nicht nur darauf, was jemand sagt, sondern auch darauf, wie jemand im Raum steht, wie jemand Druck aushält, wie Stimme, Körper und innere Klarheit zusammenwirken. Bevor sie Führungskräfte, Wahlkämpfer:innen und Verwaltungsteams begleitete, kam sie aus Tanz, Bühne und Körperarbeit. Genau dieser Blick macht das Gespräch so spannend: Führung wird nicht als Theorie behandelt, sondern als etwas, das Menschen im Raum spüren.
Führung ist kein Nebenthema mehr
Viele Verwaltungen stehen gerade unter einer Belastung, die sich nicht allein über bessere Abläufe lösen lässt. Personalmangel, Finanzdruck, politische Polarisierung, Digitalisierung, steigende Erwartungen und öffentliche Sichtbarkeit treffen auf Systeme, die häufig ohnehin schon angespannt sind. Wenn dann Führung fehlt, wird es schnell konkret: Konflikte bleiben liegen, Teams verlieren Orientierung, neue Mitarbeitende kommen nicht gut an, schwierige Situationen werden zu lange ausgehalten.
Leila beschreibt im Gespräch einen Satz, der hängen bleibt: Wenn es in Teams wirklich hakt, lohnt sich oft der Blick auf die nächste Führungsebene. Das ist keine einfache Schuldzuweisung. Verwaltung funktioniert nur, wenn viele Menschen Verantwortung übernehmen. Aber Führung prägt, wie ein System mit Druck umgeht. Sie entscheidet, ob Konflikte bearbeitet oder verschoben werden, ob Menschen geschützt werden und ob Klarheit entsteht, wenn alle aufeinander warten.
Gerade deshalb ist Führung in Verwaltungen kein weiches Weiterbildungsthema. Sie entscheidet darüber, ob ein Team nur noch reagiert oder wieder handlungsfähig wird.
Bürgermeister:innen sind keine Blitzableiter
In vielen Kommunen landet gesellschaftlicher Druck dort, wo Menschen greifbar sind: im Rathaus, im Bürgerbüro, in der Gemeinderatssitzung, auf den Social-Media-Kanälen der Kommune. Bürgermeister:innen und Verwaltungsmitarbeitende werden dadurch immer häufiger zu Projektionsflächen für Frust, Unsicherheit und Überforderung.
Leila erzählt im Podcast von Mitarbeitenden, die im Bürgerkontakt respektlos behandelt werden. Von Amtsleitungen, die nach Sitzungen weinend den Raum verlassen. Von Situationen, in denen Menschen persönlich angegriffen werden und trotzdem erwartet wird, dass Verwaltung ruhig, freundlich und professionell bleibt.
Kritik gehört zur Demokratie. Widerspruch gehört zur kommunalen Politik. Auch Ärger über Verwaltung muss Platz haben. Aber es gibt einen Punkt, an dem aus Kritik Abwertung wird. Und genau an diesem Punkt braucht Führung eine klare Grenze.
Leila nennt das Mut zur Eskalation. Gemeint ist die Fähigkeit, eine Situation nicht einfach weiterlaufen zu lassen, wenn Menschen vorgeführt, abgewertet oder respektlos behandelt werden. Führung muss dann erkennbar werden. Durch eine klare Reaktion, durch Schutz für Mitarbeitende, durch eine Sprache, die deutlich genug ist, damit alle im Raum verstehen: So gehen wir hier nicht miteinander um.
Das ist keine Kleinigkeit. Viele Führungskräfte versuchen, schwierige Situationen möglichst elegant zu lösen. Sie wollen nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen, nicht unsouverän wirken, nicht als hart gelten. Aber wenn Grenzen dauerhaft nicht ausgesprochen werden, verschiebt sich der Umgang miteinander. Und irgendwann gilt als normal, was eigentlich längst hätte gestoppt werden müssen.
Wirkung beginnt vor dem ersten Satz
Ein großer Teil von Leilas Arbeit dreht sich um Wirkung. Nicht im Sinne einer einstudierten Bühne, sondern im Sinne von Präsenz. Menschen spüren sehr schnell, ob jemand wirklich da ist. Ob jemand innerlich klar ist. Ob jemand nur eine Rolle spielt oder ob Worte, Körper und Energie zusammenpassen.
Das ist besonders relevant für Menschen, die in Verwaltungen führen. Sie stehen vor Teams, vor Gremien, vor Bürger:innen, manchmal auch vor Kameras. In diesen Momenten geht es nicht nur darum, die richtigen Sätze zu sagen. Es geht darum, ob Orientierung entsteht.
Leila spricht deshalb viel über den inneren Kompass. Was sind meine Werte? Wofür bin ich angetreten? Was will ich schützen? Wo ist meine Grenze? Diese Fragen wirken vielleicht persönlich, sind aber hochpraktisch. Wer sie nicht beantworten kann, wird in schwierigen Situationen schneller ausweichend, defensiv oder beliebig.
Führung beginnt damit, sich selbst führen zu können. Erst dann wird es möglich, andere gut durch Druck, Konflikte und Veränderung zu begleiten.
Verwaltung braucht Menschen, die klar bleiben
Die Folge mit Leila Adjemi zeigt, wie dringend Verwaltung über Führung sprechen muss. Nicht als Zusatzqualifikation für Menschen, die zufällig irgendwann Vorgesetzte geworden sind. Sondern als Kernkompetenz für Organisationen, die unter Druck handlungsfähig bleiben müssen.
Dazu gehören Kommunikation und Konfliktfähigkeit. Körpersprache und Selbstwahrnehmung. Schutz für Mitarbeitende und Klarheit in politischen Gremien. Die Fähigkeit, zuzuhören, ohne alles hinzunehmen. Und der Mut, Grenzen auszusprechen, bevor Respektlosigkeit zur Routine wird.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Führungsfragen dieser Zeit: Wie bleiben Menschen wirksam, wenn der Druck steigt?
Darüber sprechen wir in der neuen Folge Kleinstadtniveau mit Leila Adjemi. Hört rein – und schickt die Folge gerne an Menschen weiter, die in Verwaltung, Politik oder Führung Verantwortung tragen und denen dieser Blick auf Führung helfen könnte.
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