Wenn Bürgermeister:innen zur Projektionsfläche werden
Bürgermeister:innen sind nahbar. Genau das macht dieses Amt so besonders. Man trifft sie beim Vereinsfest, auf dem Wochenmarkt, in der Gemeinderatssitzung, im Bürgerbüro, beim Spatenstich, auf Instagram oder abends noch schnell per Mail. Kommunale Politik hat ein Gesicht. Und dieses Gesicht ist oft das der Bürgermeisterin oder des Bürgermeisters.
Diese Nähe ist eine Stärke. Sie schafft Vertrauen, kurze Wege und das Gefühl, dass Politik nicht irgendwo weit weg passiert, sondern vor Ort. Gleichzeitig wird genau diese Nähe immer häufiger zur Belastung. Denn wenn Menschen wütend, enttäuscht, verunsichert oder überfordert sind, landet dieser Druck oft dort, wo jemand erreichbar ist. Im Rathaus. In der Sprechstunde. Auf dem Social-Media-Kanal. In der Gemeinderatssitzung.In unserem Kleinstadtniveau Podcast mit Leila Adjemi sprechen wir darüber, was dieser Druck mit Menschen macht, die Verantwortung tragen. Leila begleitet seit vielen Jahren Bürgermeister:innen, Führungskräfte und Verwaltungsteams. Sie erlebt, dass viele von ihnen nicht nur organisatorisch oder politisch gefordert sind, sondern emotional massiv unter Druck stehen.
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Weitere InformationenDas Amt ist sichtbar. Der Mensch dahinter auch.
Wer Bürgermeister:in ist, steht selten nur für eine konkrete Entscheidung. Oft steht diese Person plötzlich für alles, was gerade nicht funktioniert: für volle Kitas, fehlende Fachkräfte, knappe Haushalte, langsame Verfahren, Baustellen, Parkplätze, politische Entscheidungen anderer Ebenen, gesellschaftliche Verunsicherung und manchmal auch für eine allgemeine Unzufriedenheit, die gar keinen klaren Adressaten mehr hat.
Das ist für kommunale Führung besonders herausfordernd. Bürgermeister:innen sollen zuhören, erklären, vermitteln, entscheiden, beruhigen und gleichzeitig handlungsfähig bleiben. Sie sollen bürgernah sein, aber sich nicht vereinnahmen lassen. Sie sollen Kritik aufnehmen, aber persönliche Angriffe aushalten. Sie sollen führen, ohne sich abzuschotten. Und sie sollen dabei möglichst immer souverän bleiben.
Diese Erwartung ist in der Praxis kaum auflösbar, wenn wir nicht ehrlicher darüber sprechen, was kommunale Spitzenämter heute bedeuten. Bürgermeister:innen sind keine neutralen Funktionsstellen. Dort stehen Menschen, die jeden Tag mit Erwartungen, Konflikten und Projektionen umgehen müssen.
Kritik gehört dazu. Abwertung nicht.
Kommunale Demokratie lebt von Widerspruch. Bürgerinnen und Bürger müssen kritisieren dürfen. Gemeinderäte müssen streiten dürfen. Entscheidungen müssen hinterfragt werden. Gerade vor Ort ist es wichtig, dass Politik nicht glattgebügelt wird, sondern echte Auseinandersetzung möglich bleibt.
Aber es gibt eine Grenze, die in vielen Kommunen zu oft überschritten wird. Wenn aus Kritik persönliche Abwertung wird. Wenn Menschen angeschrien, lächerlich gemacht oder öffentlich vorgeführt werden. Wenn Mitarbeitende in Verwaltungen für Dinge verantwortlich gemacht werden, die sie gar nicht allein entscheiden können. Wenn Bürgermeister:innen und Amtsleitungen nur noch als Zielscheibe dienen.
Leila beschreibt im Podcast sehr deutlich, dass viele Führungskräfte versuchen, solche Situationen möglichst elegant zu lösen. Sie wollen deeskalieren, professionell bleiben, die Sitzung retten, niemanden zusätzlich provozieren. Das ist nachvollziehbar. Aber wenn Grenzüberschreitungen dauerhaft weggelächelt oder wegmoderiert werden, verschiebt sich der Maßstab. Was einmal hingenommen wird, wird beim nächsten Mal leichter wiederholt.
Führung bedeutet dann auch, den Umgang miteinander zu schützen. Nicht aus Empfindlichkeit, sondern weil Respekt eine Voraussetzung für Handlungsfähigkeit ist.
Warum dieser Druck gefährlich ist
Wenn Bürgermeister:innen, Amtsleitungen und Verwaltungsmitarbeitende dauerhaft als Projektionsflächen genutzt werden, hat das Folgen. Es macht Menschen müde. Es macht sie vorsichtiger. Es kann dazu führen, dass gute Leute sich zurückziehen, weniger sichtbar werden oder irgendwann nicht mehr bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Das ist keine private Befindlichkeit einzelner Führungskräfte. Es ist ein demokratisches Problem. Kommunen brauchen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu tragen. Wenn aber immer mehr Menschen erleben, dass dieses Tragen von Verantwortung mit persönlicher Abwertung, Dauerstress und fehlendem Schutz verbunden ist, wird es schwerer, solche Menschen zu finden.
Schon heute gibt es Orte, in denen es kaum noch Bewerbungen für kommunale Spitzenämter gibt. Das sollte uns beunruhigen. Denn vor Ort entscheidet sich sehr konkret, ob Demokratie funktioniert: in Sitzungen, in Gesprächen, in Konflikten, in Entscheidungen, die nicht allen gefallen können.
Führung braucht Schutzräume und Klarheit
Wer Bürgermeister:innen stärken will, sollte nicht nur über einzelne Personen sprechen. Es geht um Strukturen, Routinen und eine Kultur, die klare Grenzen ermöglicht. Gemeinderatssitzungen brauchen Regeln, die nicht nur auf dem Papier stehen. Verwaltungen brauchen Rückendeckung, wenn Mitarbeitende respektlos behandelt werden. Kommunikation nach außen muss klar machen, was Verwaltung leisten kann und wo Erwartungen unrealistisch werden.
Auch Führungskräfte selbst brauchen Räume, in denen sie sortieren können, was sie erleben. Nicht erst dann, wenn nichts mehr geht. Gerade Menschen in sichtbaren Rollen brauchen Reflexion, Feedback und Unterstützung, weil sie ständig wirken müssen: im Team, im Gremium, in der Öffentlichkeit, im direkten Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern.
Leila spricht im Podcast vom inneren Kompass. Diese Frage ist für kommunale Führung zentral: Wofür bin ich angetreten? Was will ich schützen? Wo liegt meine Grenze? Wer diese Fragen für sich nicht klärt, wird in Drucksituationen schneller von außen gesteuert. Von Erwartungen, von Angst vor Kritik, von dem Wunsch, gemocht zu werden, oder von der Hoffnung, dass sich schwierige Situationen irgendwie von selbst beruhigen.
Bürgermeister:innen müssen nicht alles auffangen
Kommunale Führung bedeutet Nähe. Aber Nähe darf nicht bedeuten, dass eine Person alles auffangen muss, was gesellschaftlich schiefläuft. Bürgermeister:innen können erklären, vermitteln, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Sie können aber nicht jede Krise allein lösen und nicht jede Wut ausgleichen, die sich irgendwo gesammelt hat.
Deshalb braucht es einen erwachseneren Umgang mit kommunaler Verantwortung. Von Bürgerinnen und Bürgern. Von Gemeinderäten. Von Verwaltungen. Von Medien. Und auch von den Führungskräften selbst.
Wer Demokratie vor Ort stärken will, muss die Menschen schützen, die sie jeden Tag möglich machen. Dazu gehören klare Grenzen, respektvolle Auseinandersetzung und die Bereitschaft, Druck nicht einfach nach unten oder nach vorne weiterzureichen.
In unserem Kleinstadtniveau Podcast mit Leila Adjemi sprechen wir genau darüber: über Führung unter Druck, über Wirkung, über Selbstführung und über die Frage, wie Bürgermeister:innen und Verwaltungen handlungsfähig bleiben, wenn sie immer häufiger zur Projektionsfläche werden.
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