Warum gute Ideen allein Behörden nicht verändern
Ein Gedankenexperiment von Christian Rosenberger, Gründer Amtshelden.
Ich habe Design Thinking in meiner Ausbildung gelernt. Nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug. Ich arbeite bis heute damit. Ich nutze Interviews, Skizzen, Prototypen, Perspektivwechsel. Ich glaube immer noch daran, dass bessere Lösungen entstehen, wenn man Menschen ernsthaft zuhört, bevor man Konzepte baut.
Trotzdem merke ich: Etwas hat sich verändert.
Ist Design Thinking wirklich tot?
Vor kurzem bin ich über die Paneldiskussion „Design Thinking ist tot – Leider? Endlich?“ von Gestalt Error 409 im Rahmen der World Design Capital 2026 gestolpert. Die Frage klingt erstmal zugespitzt. Ist Design Thinking wirklich tot? Oder ist nur die Euphorie vorbei?
Meine Antwort wäre: Tot ist vor allem die Workshop-Version davon.
Also die Variante, bei der ein Raum gebucht wird, Post-its verteilt werden, alle einmal „aus Nutzersicht“ denken und am Ende eine Wand voller Ideen fotografiert wird. Für einen Moment fühlt sich das produktiv an, weil sich scheinbar etwas bewegt und Menschen miteinander sprechen, die sonst selten im selben Raum sitzen. Das ist nicht nichts.
Aber es ist auch noch keine Veränderung.
Warum das für Behörden relevant ist
Genau da wird die Diskussion für Behörden interessant.
Denn Verwaltung hat selten ein Ideenproblem. Wer mit Menschen aus Behörden spricht, hört sehr schnell, wo es klemmt: Digitale Anträge enden doch wieder als PDF, Fachverfahren sprechen nicht miteinander, Bürgerinnen und Bürger geben dieselben Daten mehrfach ein. Sachbearbeitende sollen neue Prozesse umsetzen, wurden aber nie gefragt, wie ihr Arbeitstag wirklich aussieht. Führungskräfte sollen Veränderung erklären, obwohl ihnen selbst noch niemand sauber erklärt hat, was sich konkret ändern soll.
Dafür braucht man nicht den nächsten Kreativworkshop. Dafür braucht man den Mut, die bekannten Probleme nicht weiter als Erkenntnis zu verkaufen.
KI macht Methodentheater sichtbar
KI verschärft das gerade.
Früher konnte man mit einem guten Workshop zumindest sichtbar machen, dass gearbeitet wurde. Heute kann KI in wenigen Minuten Personas schreiben, Ideen sortieren, Service Journeys skizzieren, Texte vereinfachen, Prototypen beschreiben und sogar erste Oberflächen entwerfen. Vieles, was in Design-Thinking-Formaten früher nach produktiver Denkarbeit aussah, wird dadurch billiger.
Das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine Entlastung.
Denn wenn Ideen, Varianten und erste Entwürfe schneller entstehen, bleibt weniger Raum für Methodentheater. Dann muss man früher an die eigentlichen Fragen ran: Wer entscheidet und wer trägt Verantwortung? Welcher Prozess wird wirklich geändert? Welches Fachverfahren blockiert? Welche Regel ist zwingend, welche nur Gewohnheit? Und wer muss beteiligt werden, damit das Ergebnis später nicht am Alltag scheitert?
Für Behörden ist das der Kern.
Der schwierige Teil beginnt nach dem Workshop
Design Thinking kann in der Verwaltung hilfreich sein, wenn es nicht als Event verstanden wird. Ein Workshop kann ein Startpunkt sein. Aber er darf nicht so tun, als wäre der schwierigste Teil schon erledigt.
Der schwierigste Teil beginnt danach: Zuständigkeiten klären, rechtliche Grenzen prüfen, technische Abhängigkeiten verstehen, Haushaltslogiken einbeziehen, Führung absichern, Mitarbeitende mitnehmen und Entscheidungen treffen.
Das klingt weniger glamourös als „Innovation“, ist aber ehrlicher.
Drei Dinge, die Behörden mitnehmen können
Ich glaube, dass Behörden aus der Design-Thinking-Diskussion drei Dinge mitnehmen können.
1. Nutzerorientierung bleibt richtig, aber sie reicht nicht
Verwaltung arbeitet nicht für Kundinnen und Kunden im klassischen Sinn. Sie handelt im öffentlichen Auftrag. Sie muss gleich behandeln, dokumentieren, begründen, schützen und abwägen.
Ein Service kann aus Bürgersicht bequem sein und trotzdem rechtlich heikel. Ein Prozess kann intern lästig wirken und trotzdem eine wichtige Kontrollfunktion haben.
Wer Verwaltung gestalten will, muss diese Spannung aushalten. Nutzerfreundlichkeit ist wichtig, Rechtsstaatlichkeit aber auch. Gute Lösungen entstehen nicht, wenn man eine Seite ignoriert.
2. Beteiligung ist kein Ersatz für Entscheidung
Viele Behörden beteiligen inzwischen mehr. Das ist gut. Aber Beteiligung wird schwach, wenn vorher nicht klar ist, was mit den Ergebnissen passiert.
Dann sammeln Menschen Wünsche, Kritik und Ideen, und am Ende landet alles in einem Dokument, das niemand verantwortet. Das frustriert sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch Mitarbeitende.
Beteiligung braucht einen Anschluss an echte Entscheidungen. Sonst ist sie nur freundlicher Stillstand.
3. Prototyping muss in die Verwaltungsrealität passen
In Startups heißt Prototyping oft: schnell bauen, testen, verwerfen. In Behörden geht das nicht immer so einfach. Datenschutz, Vergabe, Barrierefreiheit, IT-Sicherheit und politische Kommunikation sind keine Nebengeräusche, sondern Teil der Realität.
Gerade deshalb ist Prototyping wertvoll – nicht als Spielerei, sondern als früher Realitätstest.
Man kann einen neuen Antrag mit fünf Bürgerinnen testen, bevor er online geht. Man kann ein Schreiben mit echten Empfängerinnen gegenlesen oder einen internen Ablauf mit Sachbearbeitenden einmal trocken durchspielen, bevor ein Tool beschafft wird. Auch eine KI-Anwendung lässt sich zunächst an unkritischen Fällen prüfen, statt sofort große Versprechen zu machen.
Das spart keine Diskussionen, macht sie aber früher sichtbar.
Und genau das braucht Verwaltung: weniger späte Überraschungen.
Was bleibt, wenn die Rituale verschwinden?
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Ist Design Thinking tot?
Die bessere Frage lautet: Was bleibt übrig, wenn man die bunten Rituale wegnimmt?
Für Behörden bleibt einiges übrig: Zuhören, Beobachten, Vereinfachen, Testen und Verantwortung klären. Nicht aus der Perspektive der Organisation starten, sondern aus dem tatsächlichen Alltag der Menschen, die mit einem Verfahren leben müssen – Bürgerinnen, Unternehmen, Mitarbeitende und Führungskräfte.
Aber es reicht nicht, diese Prinzipien auf ein Miro-Board zu schreiben.
Sie müssen in die Arbeitsweise übergehen. Das bedeutet: weniger Innovationsformat, mehr Verwaltungsarbeit. Weniger „Wir denken mal frei“, mehr „Was ändern wir ab Montag konkret?“. Weniger Begeisterung für Methoden, mehr Respekt vor Umsetzung.
Die eigentliche Herausforderung
KI wird diesen Druck erhöhen. Sie wird Behörden helfen, schneller zu analysieren, zu formulieren, zu sortieren und zu entwerfen. Aber sie wird ihnen die eigentliche Arbeit nicht abnehmen.
KI entscheidet nicht, welche Regel verändert werden darf. KI löst keine Zuständigkeitskonflikte. KI ersetzt keine Führung, die Verantwortung übernimmt.
Vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus der Debatte um Design Thinking.
Methoden sind nützlich, solange sie den Blick auf die Realität schärfen. Sie werden gefährlich, wenn sie Realität ersetzen.
Für Behörden heißt das: Nicht noch mehr Ideen produzieren. Umsetzungssysteme bauen.
Dort entscheidet sich, ob Veränderung ankommt.
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