Wie ein Podcast Menschen und Themen einer Stadt sichtbar macht
Kommunale Kommunikation beginnt meist mit dem, was die Verwaltung selbst beschäftigt: ein neuer Beschluss, eine Baustelle, die Eröffnung einer Einrichtung oder der nächste Termin des Bürgermeisters. Das gehört dazu. Es zeigt aber nur einen Ausschnitt der Stadt.
Wer verstehen will, was einen Ort prägt, muss auch den Menschen zuhören, die dort leben, arbeiten oder sich engagieren. Genau das macht der Hanauer Podcast „Auf ein Bieri“. Bürgermeister Maximilian Bieri und sein Co-Host Philipp sprechen dort mit Menschen aus Vereinen, Kultur, Sport, Stadtgeschichte und Zivilgesellschaft. Nicht das Rathaus steht im Mittelpunkt, sondern Hanau und die Personen, die etwas über diese Stadt zu erzählen haben.
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Weitere InformationenWenn das Rathaus nicht die Hauptrolle spielt
Im Podcast waren bereits eine Ärztin aus der Palliativversorgung, Aktive aus dem Hanauer Hockey, Historiker und ein Mann zu Gast, der seit Jahren eine Streuobstwiese bewirtschaftet. Die Themen könnten kaum unterschiedlicher sein. Zusammen ergeben sie trotzdem ein Bild der Stadt, das über Pressemitteilungen und Veranstaltungshinweise hinausgeht.
Aus „Hospizarbeit in Hanau“ wird ein Gespräch mit einer Ärztin, die erklärt, wie die Begleitung schwer kranker Menschen konkret aussieht. Aus „Sportstadt Hanau“ werden persönliche Geschichten über Training, Vereinsleben und die Unterschiede zwischen Feld- und Hallenhockey. Historische Ereignisse bleiben keine Jahreszahlen, wenn jemand erzählt, warum Napoleon Hanau angeblich für die schlimmste Stadt hielt, der er je begegnet sei.
Der Podcast macht die Stadt nicht abstrakt sichtbar. Er zeigt sie über konkrete Menschen, Erfahrungen und Orte.
Mit diesem Podcast kann man sehr viel über die Stadt Hanau und die Menschen lernen, die in ihr wohnen.
Maximilian Bieri
Der Gast bringt die Geschichte mit
Die Auswahl der Gesprächspartner folgt keinem langfristig ausgearbeiteten Redaktionsplan. Manchmal steht zuerst ein Mensch fest, den Bieri und sein Co-Host spannend finden. Manchmal gibt es ein Thema, zu dem sie den passenden Gast suchen. Einige Hinweise kommen direkt aus der Hörerschaft.
So entstand auch die Folge über eine Hanauer Streuobstwiese. Ein Zuhörer hatte den Betreiber vorgeschlagen. Ohne diesen Hinweis wäre das Thema möglicherweise nie auf der Liste gelandet. Im Gespräch erwies es sich dann als genau die Art von Geschichte, für die ein lokaler Podcast geeignet ist: nah an der Stadt, persönlich erzählt und für viele vorher kaum sichtbar.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu klassischer Behördenkommunikation. Dort gibt die Verwaltung oft vor, was gerade relevant ist. Bei einem solchen Podcast darf die Stadt selbst Themen liefern. Vereine, Initiativen und einzelne Menschen öffnen den Blick auf Bereiche, die im redaktionellen Alltag leicht übersehen werden.
Ein Gespräch darf abbiegen
„Auf ein Bieri“ ist weitgehend ungeskriptet. Die Gastgeber bereiten einen Einstieg und Fragen vor, halten aber nicht an einem starren Ablauf fest. Wenn ein Gedanke interessant wird, folgen sie ihm.
Diese Offenheit ist keine Nebensache. Viele gute Geschichten entstehen erst dort, wo ein Gespräch den vorbereiteten Weg verlässt. Ein Gast erinnert sich an eine Begegnung, erzählt von einem persönlichen Wendepunkt oder spricht über ein Problem, das in einer offiziellen Darstellung gar nicht vorkommen würde.
Unser Podcast lebt davon, ungeskriptet zu sein und sich auf die Abzweigungen im Gespräch einzulassen.
Maximilian Bieri
Das verlangt gute Gesprächsführung. Die Gastgeber müssen zuhören, nachfragen und aushalten können, dass eine Folge anders verläuft als geplant. Dafür entsteht ein Gespräch, das weniger nach Interviewbogen und stärker nach echter Begegnung klingt.
Was ein Gespräch auslösen kann
Eine Rückmeldung ist Maximilian Bieri besonders im Gedächtnis geblieben. Nach der Folge über Palliativversorgung und Hospizarbeit meldete sich eine Hörerin. Sie hatte schon länger darüber nachgedacht, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das Gespräch nahm ihr die letzte Hemmschwelle. Inzwischen arbeitet sie selbst als ehrenamtliche Hospizhelferin.
Die Folge war nicht mit diesem Ziel produziert worden. Sie sollte über ein Thema informieren, das viele Menschen betrifft und über das trotzdem selten offen gesprochen wird. Die Wirkung entstand, weil eine fachkundige Person verständlich und persönlich davon erzählte.
Das Beispiel zeigt, was kommunale Inhalte leisten können, wenn sie nicht bei der Information aufhören. Menschen beschäftigen sich eher mit einem Thema, wenn sie eine Stimme, eine Erfahrung und eine konkrete Situation damit verbinden können.
Nicht jede Folge wird ein Ehrenamt auslösen. Das muss sie auch nicht. Schon ein genaueres Verständnis für eine Einrichtung, einen Verein oder eine gesellschaftliche Aufgabe ist ein relevanter Effekt.
Was kommunale Redaktionen daraus lernen können
Kommunen müssen für gute Geschichten nicht ständig neue Kampagnen entwickeln. Viele Themen und Gesprächspartner sind längst vorhanden. Sie werden nur selten als Teil der Kommunikation wahrgenommen. Ein erster Blick kann deshalb in diese Richtungen gehen:
Wer kennt einen Teil der Stadt, den viele andere nicht sehen?
Das können Beschäftigte eines Hospizes, Mitglieder eines kleinen Vereins, Gewerbetreibende oder Menschen aus einer Nachbarschaft sein.
Wer kann ein abstraktes Thema an einem konkreten Beispiel erklären?
Ein Beschluss zur Stadtentwicklung wird verständlicher, wenn jemand beschreibt, was sich dadurch an einem bestimmten Ort verändert.
Welche Hinweise kommen aus der Stadt selbst?
Empfehlungen aus der Hörerschaft oder Community führen oft zu Themen, die eine Redaktion aus eigener Perspektive nicht gefunden hätte.
Wo lohnt sich ein längeres Gespräch?
Nicht jeder Termin braucht einen Podcast. Themen mit persönlicher Erfahrung, unterschiedlichen Perspektiven oder erklärungsbedürftigen Zusammenhängen profitieren von mehr Zeit.
Die redaktionelle Aufgabe verändert sich dadurch. Die Verwaltung muss nicht jede Geschichte selbst erzählen. Sie kann den passenden Rahmen schaffen, gute Fragen stellen und anderen die Bühne überlassen.
Das Prinzip funktioniert auch ohne Podcast
Ein Podcast eignet sich gut für solche Gespräche, weil er Zeit gibt und nebenbei gehört werden kann. Das Grundprinzip lässt sich aber auch auf andere Formate übertragen.
Eine Kommune kann Menschen in längeren Interviews vorstellen, eine Videoserie über lokale Initiativen entwickeln oder regelmäßig Porträts auf der eigenen Website veröffentlichen. Entscheidend ist nicht das technische Format. Entscheidend ist die Perspektive.
Beginnt ein Beitrag immer bei der Verwaltung und ihrer Botschaft? Oder beginnt er bei einem Menschen, der etwas erlebt, aufgebaut oder verändert hat?
Die zweite Variante wirkt häufig konkreter. Sie zeigt, was kommunale Themen im Alltag bedeuten. Und sie macht sichtbar, dass eine Stadt aus weit mehr besteht als aus dem, was im Rathaus entschieden wird.
Über Maximilian Bieri
Maximilian Bieri ist Bürgermeister von Hanau und übernimmt im Oktober das Amt des Oberbürgermeisters. Er ist in Hanau aufgewachsen und kommt ursprünglich aus der Mathematik und Softwareentwicklung. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Philipp veröffentlicht er einmal im Monat den Podcast „Auf ein Bieri“. Darin sprechen beide mit Menschen über Hanau, seine Geschichte und das Leben in der Stadt.
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