Warum Leitbilder keine Kultur verändern
Fast jede Behörde hat ein Leitbild. Darin steht, wofür die Organisation steht, welche Werte sie vertritt und wie Zusammenarbeit gelingen soll. Begriffe wie Offenheit, Vertrauen, Verantwortung oder Wertschätzung finden sich inzwischen fast überall. Daran ist nichts auszusetzen. Ein Leitbild kann Orientierung geben und deutlich machen, wie eine Organisation arbeiten möchte. Die Schwierigkeit beginnt dort, wo erwartet wird, dass sich durch diese Formulierungen automatisch auch die Kultur verändert. Denn Mitarbeitende richten sich im Alltag nicht nach dem, was auf einer Website oder in einer Broschüre steht. Sie orientieren sich an dem, was sie jeden Tag erleben.
Der Arbeitsalltag ist glaubwürdiger als jedes Leitbild
Zwischen dem Anspruch eines Leitbilds und der Realität liegen manchmal nur wenige Sätze, aber viele Erfahrungen. Eine Behörde schreibt sich Eigenverantwortung auf die Fahnen. Gleichzeitig muss jede Entscheidung mehrere Freigaben durchlaufen. Offenheit gehört zu den offiziellen Werten. Kritische Nachfragen sorgen im Alltag trotzdem für Unruhe. Fehler sollen als Chance verstanden werden. Wenn etwas schiefläuft, beginnt häufig zuerst die Suche nach der verantwortlichen Person.
Solche Widersprüche entstehen selten mit Absicht. Sie entwickeln sich über Jahre. Abläufe, die sich einmal bewährt haben, werden beibehalten. Entscheidungen werden immer stärker abgesichert, weil niemand unnötige Risiken eingehen möchte. So entstehen Routinen, die Sicherheit geben, aber häufig nicht mehr zu den Werten passen, die im Leitbild beschrieben werden. Deshalb entscheidet sich Kultur nicht auf dem Papier. Sie zeigt sich in den kleinen Situationen des Arbeitsalltags.
Führung macht Werte glaubwürdig
Im Podcast beschreibt Simon Sagmeister einen einfachen Zusammenhang: Führungskräfte prägen Kultur vor allem durch ihr Verhalten. Mitarbeitende beobachten sehr genau, wie Entscheidungen getroffen werden. Sie merken, ob Kritik wirklich willkommen ist oder nur solange, bis sie unbequem wird. Sie sehen, ob Führungskräfte Verantwortung übernehmen oder Fehler lieber weiterreichen. Und sie erleben, ob die Werte, über die gesprochen wird, auch dann gelten, wenn der Druck steigt.
Genau diese Erfahrungen prägen eine Organisation. Wenn eine Führungskraft Offenheit fordert, kritische Rückfragen aber persönlich nimmt, verliert dieser Wert schnell an Glaubwürdigkeit. Umgekehrt kann eine einzige Situation, in der eine Führungskraft einen eigenen Fehler offen anspricht, mehr bewirken als mehrere Workshops zur Fehlerkultur. Menschen orientieren sich an Verhalten. Nicht an Formulierungen.
Kultur lässt sich nicht planen
Wenn Organisationen ihre Kultur verändern möchten, beginnen sie häufig mit Workshops, Leitbildern oder Maßnahmenplänen. Das kann sinnvoll sein. Nur entsteht dadurch noch keine neue Kultur. Entscheidend ist, was nach dem Workshop passiert. Verändern sich Besprechungen? Werden Entscheidungen anders getroffen? Gehen Führungskräfte anders mit Fehlern um? Bekommen Mitarbeitende tatsächlich mehr Verantwortung oder bleibt am Ende alles beim Alten?
Genau dort entscheidet sich, ob aus guten Vorsätzen neue Gewohnheiten entstehen. Menschen arbeiten nicht jeden Tag bewusst nach einem Leitbild. Sie orientieren sich an Routinen. Das gilt in Behörden genauso wie in jedem anderen Arbeitsumfeld. Gewohnheiten geben Sicherheit und helfen dabei, Entscheidungen zu treffen. Deshalb verschwinden sie auch nicht, nur weil neue Werte formuliert wurden. Wer Kultur verändern möchte, muss deshalb neue Gewohnheiten schaffen. Das gelingt nicht innerhalb weniger Wochen. Es braucht Zeit und vor allem Konsequenz.
Kleine Situationen verändern eine Organisation
Viele verbinden Kulturentwicklung mit großen Programmen oder umfangreichen Veränderungsprozessen. Tatsächlich entsteht Kultur meist in den unscheinbaren Momenten. Eine Führungskraft erklärt künftig nachvollziehbar, warum sie eine Entscheidung getroffen hat. Ein Team nimmt sich nach einem Projekt zwanzig Minuten Zeit, um gemeinsam zu besprechen, was gut funktioniert hat und was beim nächsten Mal besser laufen kann. In einer Besprechung wird nicht sofort bewertet, sondern zunächst zugehört.
Keine dieser Situationen verändert eine Organisation über Nacht. In der Summe verändern sie jedoch die Zusammenarbeit. Mitarbeitende erleben, dass ihre Meinung gefragt ist. Sie trauen sich eher, Verantwortung zu übernehmen oder Probleme anzusprechen. Genau so entstehen neue Gewohnheiten.
Kultur kann niemand delegieren
In vielen Organisationen wird Kulturentwicklung an die Personalentwicklung oder Organisationsentwicklung übertragen. Beide Bereiche können wichtige Impulse geben. Die Kultur einer Organisation entsteht dort jedoch nicht. Sie entsteht in jeder Besprechung, in jedem Feedbackgespräch und in jeder Entscheidung.
Deshalb tragen alle Mitarbeitenden Verantwortung für die Zusammenarbeit. Führungskräfte haben dabei einen besonders großen Einfluss. Sie entscheiden täglich darüber, wie mit Fehlern umgegangen wird, wie Konflikte gelöst werden und welche Verhaltensweisen akzeptiert oder belohnt werden. Wer die Kultur einer Organisation verändern möchte, sollte deshalb weniger Zeit in neue Leitbilder investieren und häufiger den Arbeitsalltag beobachten. Dort zeigt sich schnell, welche Werte tatsächlich gelebt werden.
Fazit
Leitbilder haben ihren Platz. Sie beschreiben, wofür eine Organisation stehen möchte, und können Orientierung geben. Ob diese Werte im Alltag eine Rolle spielen, entscheidet sich aber an anderer Stelle. Sie zeigen sich im Umgang mit Fehlern, in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden, und in der Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden. Deshalb beginnt Kulturentwicklung nicht mit neuen Formulierungen. Sie beginnt dort, wo Menschen ihr eigenes Verhalten hinterfragen und bereit sind, eingefahrene Gewohnheiten zu verändern.
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